Der Dohlenstein

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Bereist man das liebliche Saaletal zwischen Rudolstadt und Jena, so kann man unmöglich den Dohlenstein übersehen. Auf der rechten Saaleseite gegenüber der Stadt Kahla gelegen, steht der Berg 200 m hoch über dem Tal. Anstelle der sonst hier vorherrschenden, eher sanften Hügel, erblickt man eine leuchtendweiße senkrechte Felswand am obersten Teil des Berges. Deutlich treten die nahezu horizontalen Schichten hervor. Darunter sieht man mächtige Schuttmassen und es wird sofort klar, dass es sich hier um einen riesigen Bergsturz handelt. Mit der über dem Dohlenstein thronenden Leuchtenburg – der „Königin des Saaletales“ – ist dies einer der spektakulärsten Anblicke, den das mittlere Saaletal zu bieten hat. Doch nicht nur der Bergsturz selbst ist bemerkenswert, auch die geologischen Zusammenhänge sind überraschend.

Übersicht

In der Gegend um Kahla finden sich Sedimentgesteine aus der Trias (Abb. 1). Fast im gesamten Saaletal zwischen Rudolstadt und Jena stehen Gesteine des mittleren Buntsandsteins an (zwischen 250,3 und 247,2 Mio. Jahren vor heute). Der Dohlenstein besteht jedoch aus Gesteinen des Oberen Buntsandsteins (247,2-246 Mio.) und des Unteren Muschelkalks (246-243,9 Mio.). Diese Gesteine müssten eigentlich weit oberhalb des Mittleren Buntsandsteins anstehen, doch heute finden wir sie auf gleicher Höhe mit diesem. Wie sind sie dorthin gekommen?

Der Buntsandstein wurde unter terrestrischen Bedingungen in einem recht trockenen, weitläufigen Becken abgelagert. Zur Zeit des Muschelkalks herrschten marine Bedingungen vor. Nach der Ablagerung dieser Gesteine passierte in der Gegend um Kahla geologisch gesehen nicht viel. Zur Zeit der Kreide kam es jedoch zu folgenreichen tektonischen Bewegungen: Entlang nordwest-südost verlaufender Bruchzonen senkte sich der Leuchtenburggraben bis zu 280 m tief ein (Wagenbreth und Steiner, 1990). Dadurch kamen die Muschelkalkeinheiten neben den Buntsandsteinschichten zu liegen. In den darauffolgenden Jahrmillionen wurden die Schichten eingeebnet und schließlich weiter abgetragen. Der Muschelkalk stellte sich dabei als erosionsbeständiger heraus als der Buntsandstein. Dies hatte zur Folge, dass der einstmals eingesunkene Graben heute als langgestreckter Bergrücken hervortritt. Dieses Phänomen wird als Reliefumkehr bezeichnet. Der Reliefumkehr verdankt die Leuchtenburg ihre exponierte Lage.

Abb. 1: Geologische Übersichtskarte über den Dohlenstein im Saaletal bei Kahla und den Leuchtenburggraben. Einheiten des Muschelkalks sind in violett gehalten, Buntsandsteinformationen sind orange eingefärbt. In gelb sind quartäre Ablagerungen eingetragen. Quelle: Geologische Karte GK25 des Freistaates Thüringen. Kartendienst des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN): http://www.tlug-jena.de/kartendienste/

Geschichte der Bergstürze

Die obersten Einheiten des Oberen Buntsandsteins werden als Röt bezeichnet und enthalten häufig tonige Lagen. An diesen wasserundurchlässigen Tonen staut sich das von oben ins Gestein eindringende Wasser – es entsteht eine Gleitbahn, auf der die über dem Röt liegenden Gesteine des Unteren Muschelkalks leicht abrutschen können (Abb. 2) (Johnson & Klengel, 1973; Prinz, 1982). An bereits früher im Gestein angelegten Bruchsystemen zerreißen die Muschelkalkeinheiten und stürzen in großen Blöcken zu Tal. Zeugnis davon gibt eine nahezu senkrechte Abrisskante, die über der Saale thront. Im Fall des Dohlensteins spielt auch die tief ins umliegende Flachland eingeschnittene Saale eine wichtige Rolle. Der Dohlenstein befindet sich an einem Prallhang des Flusses. Hier wird kontinuierlich Material abgetragen und abtransportiert; der Berg wird von unten angeschnitten. Irgendwann geraten die Gesteinsmassen dann in Bewegung.

Abb. 2: Blockbild zur geologischen Situation um den Dohlenstein. (Meschede (unveröff., verändert nach Wagenbreth &
Steiner, 1982))

Zuerst dokumentiert sind größere Bewegungen für das Jahr 1740. Im Sommer 1780 fand der größte Bergsturz statt (vgl. Abb. 3). Die Rutschmassen erreichten die Talsohle, die Saale bahnte sich daraufhin ein neues Bett in die Wiesenaue. Auch im Februar des Jahres 1828 ereigneten sich große Bergstürze, die den Flusslauf der Saale erneut um mehr als 10 m verlagerten. Zuletzt fanden am Dohlenstein nennenswerte Bewegungen in den Jahren 1881 und 1920 statt. Es kommt jedoch häufig zu vereinzelten, kleineren Rutschen und Felsstürzen. Der Dohlenstein war schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt (Balthasar et al., 2011) und ist aufgrund seiner speziellen geologischen Gegebenheiten Heimstatt einer schützenswerten Flora und Fauna (Hilbig, 1971). Für den Besucher bietet sich vom Gipfel des Berges ein atemberaubendes Panorama über das Saaletal.

Abb. 3: „Obere Parthien des eingestürzten Dolensteins“. Zeichnung von Georg Melchior Kraus, 1780

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Impressionen

TL;DR (too long; didn’t read)

Der Dohlenstein ist ein riesiger Bergsturz im Saaletal, der seit 1740 immer wieder in Bewegung ist. Die größten Rutschungen haben sogar den Verlauf der Saale verändert. Gesteine des Muschelkalks liegen hier auf Einheiten des Buntsandsteins. Die obersten Schichten des Buntsandsteins bestehen aus Tonsteinen. Dort staut sich das Wasser im Gebirge und es entsteht eine Gleitbahn. Auf dieser Rutschfläche gleiten die darüberliegenden Gesteine in Richtung Tal und bilden eine große Schutthalde. Die Abrißkante ist schon von weitem als leuchtend weiße, senkrechte Felswand zu sehen.

Schriftenverzeichnis

Balthasar, P., Brümmer, C., Friedow, S., Gießmann, N., Lux, S., Pasda, C., Scherf, D. & Traufetter, K. (2011): Kahla-Löbschütz–ein Fundplatz des Magdalénien im mittleren Saaletal in Thüringen. Archäologisches Korrespondenzblatt, 41(3), 299-318.

Hilbig, W. (1971): Kalkschuttgesellschaften in Thüringen. Hercynia-Ökologie und Umwelt in Mitteleuropa, 8(2), 85-95.

Johnsen, G., & Klengel, K. J. (1973). Blockbewegungen an der Wellenkalksteilstufe Thüringens in ingenieurgeologischer Sicht. Engineering Geology, 7(3), 231-257.

Kartendienst des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) (2021): http://www.tlug-jena.de/kartendienste/

Prinz, H. (1982): Abriss der Ingenieurgeologie: mit Grundlagen d. Boden- u. Felsmechanik sowie d. Erd-, Grund- u. Tunnelbaus. Enke Stuttgart.

Wagenbreth, O., & Steiner, W. (1990): Geologische Streifzüge: Landschaft und Erdgeschichte zwischen Kap Arkona und Fichtelberg. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg.

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