Der UNICA Steinbruch

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Der UNICA-Bruch liegt im GEOPARK Westerwald-Lahn-Taunus. In dem benachbarten Lahn-Marmor-Museum befindet sich eines der GeoInformationszentren.

Geboren aus Feuer und Wasser

von Bernold Feuerstein,
Lahn-Marmor-Museum Villmar

Unruhige Erde: Plattentektonik

Unser Planet ist im Inneren schalenförmig aufgebaut. Dabei nehmen Dichte und Temperatur von außen nach innen zu. Im inneren Kern wird sie auf 6000 Grad geschätzt. Der innere (feste) und äußere (flüssige) Kern besteht aus Eisen und Nickel. Der Erdmantel (bis 2900 km Tiefe) ist fest, aber zähplastisch und in sehr langsamer Bewegung. Etwas heißeres Material geringerer Dichte an der Grenze zum Kern steigt auf, um nach Abkühlung mit höherer Dichte wieder abzusinken (Mantelkonvektion). Die Lavalampe veranschaulicht dieses Verhalten. Die Erdkruste und der oberste Bereich des Mantels bilden durchschnittlich 100 km dicke starre Lithosphärenplatten, die wie Eisschollen auf dem dichteren Mantelmaterial „schwimmen“. Angetrieben durch die Mantelkonvektion bewegen sich diese Platten mit ihren Kontinenten mit einer Geschwindigkeit von einigen cm pro Jahr. Dieses Konzept der Plattentektonik wurde bereits 1915 von Alfred Wegener entwickelt. Erst ab 1960 wurde diese Theorie durch die Entdeckung der Spreizung der Ozeanböden bestätigt.

Der Kreislauf der Gesteine

Der Kreislauf der Gesteine ist ein Zyklus, in dessen Verlauf Gesteine entstehen, Veränderungen erfahren und auf verschiedene Weisen wieder zerstört werden. Ein solcher Zyklus dauert etwa 200 Millionen Jahre. An auseinanderstrebenden Plattengrenzen entsteht durch Vulkanismus in den mittelozeanischen Rücken aus aufgeschmolzenem Mantelmaterial (Magma) neue Erdkruste. Bei der Kollision ozeanischer mit kontinentaler Kruste taucht erstere aufgrund ihrer höheren Dichte ab und wird wieder eingeschmolzen. Zugleich falten sich hier Gebirge auf, die ebenfalls vulkanisch durchsetzt sein können. Magmatische Gesteine können die Oberfläche erreichen (Vulkanite – z. B. Basalt) oder in der Kruste stecken bleiben (Plutonite – z. B. Granit). Unter Einfluss von Wind, Wasser, Eis, Temperatur-unterschieden oder chemischer Verwitterung wird Gestein zerstört (Erosion). Die Verwitterungsprodukte lagern sich ab, verfestigen sich (Diagenese) und bilden Sedimentgesteine (z. B. Sandsteine, Tonschiefer). Auch Lebewesen können (biogene) Sedimente aufbauen, z. B. Kohle oder Riffe/Karbonatgesteine aus Kalkbildnern. Geraten Gesteine bei Gebirgsbildung in größere Tiefe, so werden sie durch Druck und Temperatur umgewandelt (Metamorphose). Aus Kalkstein entsteht so „echter“ Marmor (wie z. B. Carrara). Der Lahnmarmor hat diesen Prozess nicht durchgemacht – hier handelt es sich um einen polierbaren „Massenkalk“.

Die Lahnmulde im Mitteldevon

Die heutige Lahngegend lag gegen Ende des Mitteldevons vor 380 Millionen Jahren auf etwa 20° südlicher Breite in einem tropischen Flachmeer. In diesem lagerten sich von NW her aus dem Nordkontinent Laurussia („Old Red“) Sedimente ab, welche heute einen Großteil des Rheinischen Schiefergebirges aufbauen. Unter den tropischen Klimabedingungen wuchsen im flachen Wasser des inneren Schelfs Barriereriffe (Eifel/Sauerland). Im äußeren, tieferen Schelf kam es durch rückschreitendes Abtauchen ozeanischer Kruste im Zuge der Annäherung des Südkontinents Gondwana zu Dehnung und intensivem Vulkanismus. Auf den vulkanischen Schwellen konnten inselhaft ebenfalls Riffe aufwachsen (Lahnmarmor). Den Vulkanismus begleiteten hydrothermale Vorgänge, welche die Eisenerzlager vom Typ „Lahn-Dill“ bildeten.

Vulkanismus der Lahnmulde

Der im späten Mitteldevon im Bereich der Lahn- und Dillmulde verbreitete Vulkanismus förderte große Mengen basischer (kiesel-säurearmer) magmatischer Gesteine, in geringerem Umfang auch saure (kieselsäurereiche) Vulkanite. Es bildeten sich submarine Vulkanbauten, die meist nicht über die Meeresoberfläche reichten. Untermeerisch ausfließende Lava bildet in Kontakt mit dem Meerwasser Krusten, die immer wieder aufbrechen und so kissenartige Strukturen formen (Pillowlava). Die erstarrten massiven Lavaströme und -decken werden auch als Diabas bezeichnet. Das dichte schwarzgrünliche Gestein ist polierbar und wurde vielfach zu Grabsteinen verarbeitet. Mit zunehmender Entfernung zum Vulkan treten vermehrt Bruchstücke (Pillowfragmentbrekzien) aus Lavafetzen und vulkanischen Gläsern sowie abgerutschtes bzw. umgelagertes feinkörniges Material auf. Nähert sich ein Vulkan dem Meeresspiegel, so führt in den Schlot eindringendes Wasser zu heftigen Dampfexplosionen, deren Eruptionswolken („base surge“) sich mit hoher Geschwindigkeit (einige 100 km/h) radial ausbreiten und geschichtete pryoklastische Ablagerungen hinterlassen. Diese verschiedenen Lockergesteine wurden später geschiefert und in der Bergmannsprache „Schalstein“ genannt. Sie machen die Hauptmasse der Vulkanite in der Lahnmulde aus. Einige Vulkane bildeten über den Meeresspiegel ragende Inseln – ein solches Beispiel ist zwischen Fürfurt und Gräveneck nachweisbar. Neben den erwähnten Aschewolken wurden hier in den hochexplosiven Prozessen Trümmer von Nebengestein und vulkanische Bomben ausgeworfen, die verbreitet in die weichen Tuffschichten einschlugen und sie entsprechend deformierten. Solche Impaktstrukturen sind nördlich von Fürfurt und in der Villmarer Grabenstraße aufgeschlossen.

Riffe und Vulkane: vom Saumriff zum Atoll

Das Vorkommen von Riffen in den tieferen tropischen Meeresbereichen war und ist oftmals an vulkanische Inseln gebunden. Dabei kommt es auch darauf an, ob bei sinkendem Meeresboden das Riffwachstum mit dieser Bewegung mithalten kann. Nach dem Ende der Aktivität wird ein Vulkan von der Erosion allmählich abgetragen. Nach der klassischen Theorie von Charles Darwin erfolgt so die Entwicklung von einem Saumriff zu einem Atoll (Ringriff) um die komplett versunkene Vulkaninsel herum, an deren Stelle eine Lagune getreten ist. Im Bereich der Lahnmulde war der marine Vulkanismus Voraussetzung und Bedrohung lebender Riffe zugleich. Sie wurden von vulkanischen Auswurfmassen verschüttet, von Tsunamis überrollt und bei Ausbrüchen oder Erdbeben zerstört. Davon zeugen in Vulkanite eingebettete oder mit diesen verzahnte Rifftrümmer.  

Der Aufbau der Riffe

Das Devon war im Erdaltertum die Zeit der größten Karbonatproduktion durch Riffwachstum und Diversität der Meeresfauna. Riffbildende Organismen benötigen eine gleichmäßige moderate Wassertemperatur (25°C), Durchlüftung, Nährstoffe und Licht. Diese Bedingungen finden sich in einer Wassertiefe von bis zu 50 m. Im 150 bis 200 m tiefen äußeren Schelfbereich schuf erst der untermeerische Vulkanismus die Voraussetzungen zur Riffbildung. Große Vulkanbauten reichten teils bis zur Wasseroberfläche oder sogar darüber hinaus. In Ruhephasen der vulkanischen Aktivität konnten sich auf geeigneten Untiefen Riffbildner ansiedeln. Dies waren in der Hauptmasse sog. Stromatoporen (ausgestorbene Kalkschwämme), oft vergesellschaftet mit Korallen und Seelilien. Die kalkbildenden Lebewesen im Meer benötigen Energie (Sonnenlicht, Nahrung) und Material (im Waser gelöste Calciumionen). Im dem offenen Meer ausgesetzten, oft steil abfallenden Vorriff lagern sich grobe Sedimente, Rifftrümmer und Überreste riffbewohnender Tiere ab. Hier leben vor allem robuste Arten. Beispielhaft zu erkennen im Wirbelauer Lahnmarmor. Das Hauptriff wird durch das Vorriff vor der Brandung geschützt. Im zentralen Wachstumsbereich des Riffs finden auch filigranere Lebewesen ihre Nische, die Artenvielfalt ist hoch. Beispielhaft zu erkennen im Unica-Lahnmarmor. Am Rückriff befindet sich in der Regel eine Lagune mit wenig Wasserbewegung. Hier sammeln sich feinkörnige kalkhaltige Sedimente mit organischem Material (Faulschlamm), darin einzelne Kalkskelette und Schalen von Riffbildnern und -bewohnern. Beispielhaft zu erkennen im schwarzen Schupbacher Lahnmarmor.

Typische Gliederung eines Riffkörpers [nach Oetken, 1996].
Lebensraum Riff

Die devonischen Riffe waren sehr reichhaltige Öko-systeme. Fossil erhalten sind freilich nur die (Kalk-)Skelette der Lebewesen. Wichtigster Riffbildner waren die Stromatoporen, bis zu 1 m große Kalkschwämme. Sie verschwanden mit dem Massenaussterben im Ober-devon weitgehend und starben am Ende der Kreidezeit endgültig aus. Zum Riffkörper bzw. fest auf diesem aufsitzend gehörten Korallen und Crinoiden (Seelilien). Aus der Begleitfauna finden sich fossil Brachio- und Cephalopoden (Arm- bzw. Kopffüßer), Muscheln und Gastropoden (Schnecken). Von Conodonten („Kegel-zähner“) haben sich nur Teile ihres Kieferapparats als Mikrofossilien erhalten. Durch ihren raschen Form-wandel und ihre weite Verbreitung eignen sie sich aber gut zur Datierung [Oetken, 1997]. Pionierarbeit in der Untersuchung der Fauna in den devonischen Riffen unserer Region leisteten schon Mitte des 19. Jh. die Brüder Fridolin und Guido Sandberger. Ihre umfangreiche Sammlung enthält allein mehr als 60 Schneckenarten aus Villmar. Gastropoden treten hier in so großen Mengen auf, dass man sie als einen wesentlichen Bestandteil der dortigen Fauna betrachten muss. Sie waren sehr wahrscheinlich wichtige Besiedler des nahen Vorriffs. Nach dem Villmarer Geotop ist die Schnecke Antirotella unica [Heidelberger, 2001] benannt.

Das Villmarer Riff: Wachstum und Zerstörung

Der Geotop „Unica-Bruch“ bietet mit seinen gesägten und teilweise polierten Wänden einen einzigartigen dreidimensionalen Einblick in den Kernbereich eines devonischen Stromatoporenriffs. Unmittelbar nach der Entdeckung Ende der 1980er Jahre wurde der Aufschluss detailliert wissenschaftlich kartiert [Königshof, 1991, Oetken/Zankl, 1993]. Bemerkenswerterweise ist das Villmarer Riff praktisch in Lebensstellung erhalten, d. h. nicht durch tektonische Prozesse verstellt. Dies zeigen Geopetalgefüge („fossile Wasserwaagen“), teilgefüllte Hohlräume. Die Stromatoporen zeigen ca. 1 cm dicke Anwachs-streifen (Latilaminae), die wie Baumringe verschiedene Wuchsformen (laminar, domartig, blumenkohlförmig) nachzeichnen. Etwa 20% der Stromatoporen befinden sich noch in Lebensstellung. Die Wachstumsrate betrug etwa 3 m Riff-Gestein in 2000 bis 3000 Jahren. Auffällig sind mehrere rötliche Schichten aus Riffschutt. Diese lassen sich als zerstörerische Tagesereignisse (tropische Wirbelstürme oder Tsunamis) deuten. Einige Stromatoporen haben diesen Katastrophen getrotzt und wuchsen weiter. Eisenhaltige hydrothermale Lösungen haben das Riffmaterial je nach Dichte mehr oder wenigerstark durchdrungen und charakteristisch rotviolett eingefärbt.

Die Entwicklung der devonischen Riffkalke bis zur Gegenwart

Die devonischen Riffe hinterließen mehrere 100 m mächtige Massenkalke. Im Oberdevon endete das Riffwachstum plötzlich, verbunden mit zwei globalen Massenaussterben, dem Kellwasser- und Hangenberg-Ereignis (vor 372 bzw. 359 Mio. Jahren) mit einem Artenschwund von bis zu 75%. Begleitet waren sie von starken Schwankungen des Meeresspiegels. Die Ursachen dieser biologischen Krisen sind Gegenstand aktueller Forschung; u. a. werden intensiver Megavulkanismus und ein Umkippen des gesamten Klimasystems diskutiert. Im Karbon kollidierten die Kontinente Gondwana und Laurussia und falteten das Variszische Hochgebirge auf, das aber bald wieder eingeebnet wurde. Seine Reste finden sich in den Appalachen und weiten Teilen Mitteleuropas. Die Gesteine des Devons wurden gefaltet, überschoben, verschuppt und teilweise durch den Druck geschiefert. Unsere Region blieb seitdem weitgehend Festland. In der jüngeren Erdgeschichte (Tertiär) kam es unter warmen Klimabedingungen durch chemische Verwitterung zu tiefreichender Verkarstung der Massenkalke und es setzte Höhlenbildung ein (Bsp. Kubacher Kristallhöhle). Im Eiszeitalter (Quartär) schnitt sich der Rhein mit seinen Nebenflüssen in das devonische Grundgebirge ein. Die Massenkalke treten entlang der Lahn vielfach als markante Felsen hervor.

Bodensteiner Lay, Villmar

Abbau und Verarbeitung

von Angelika Meuser, Lahnmarmormuseum Villmar

Historisches Bereits seit Jahrhunderten wurden Natursteinvorkommen in der Lahnregion als Baumaterialien für repräsentative Gebäude genutzt (z.B. 10./11. Jhdt. Dietkirchen, Basilika St. Lubentius; 12./13. Jhdt. Limburg, Dom St. Georg). Ab dem 16. Jahrhundert wird der Lahnmarmor, der jetzt auch durch perfektionierte handwerkliche Bearbeitungen vielfarbig wahrnehmbar ist, als Schmuckstein eingesetzt. Unsere zurzeit älteste Quelle belegt die Verwendung von Lahnmarmor 1599 in Schloss Schnellenberg im Sauerland. Historische Quellen dokumentieren Ausbeutestreitigkeiten der Vorkommen und die Begehrlichkeiten von Kirchenfürsten und weltlicher Herrschaft. Schriftwechsel über Streitigkeiten im Grenzgebiet zwischen Runkel und Villmar belegen dies für den Bruch „Weibshohl“ im Jahre 1594, unser zurzeit ältester Beleg des Abbaus von Lahnmarmor.

Bruchgebiet Überlahn (rechte Lahnseite bei Villmar) 1829 findet sich ein Vermerk, dass „über Lahn, dort wo die Burg Grethenstein gestanden“ hätte, ein schöner Marmorbruch, welcher roten und rotbraunen Marmor liefert, zu verpachten sei. Auf den topographischen Karten 1868 und 1905 ist die Entwicklung des Bruchgebietes auf der rechten Lahnseite gut zu erkennen. 1871 ist das gemeindeeigene Bruchgebiet „Überlahnberg“ vermerkt und 1884 wird ein Bruchbereich „An der Lahn“ erwähnt. Auf der topographischen Karte von 1905 erkennt man deutlich die großen Bruchbereiche rechts der Lahn, ebenso die bis in die Steinbrüche verlegten Bahngleise.

Auf der Luftaufnahme von 1930 sind links die Brüche Grethenstein“, „Unica Alt“ und „Unica Neu“ zu sehen, ganz rechts die Brüche „Famosa violett“ und der „Kruppsche Bruch“. Links oben sind die Lahnmarmorkauten westlich der Ibachseiche erkennbar. (Hansa Luftbild in: Bernd Dresen, Historischer Streifzug durch die Gemarkung Villmar)
Unica-Bruch

Der „Übersichtsplan über den der Gemeinde Villmar gehörenden Bruch Gebrüder Loßen“ stellt die Grenzen der 1922 verpachteten Abbaubereiche dar. Die Fotomontage zeigt, dass das Nationale Geotop „Unica – Steinbruch“ im Bereich des Kalksteinbruchs „Gebrüder Loßen“ im Abbaugebiet „Grethenstein“ liegt.

Abbau im Bereich UNICA

Ab ca. 1880 beginnt der Abbau im Grethenstein- Areal mit dem Unica-Bruch. Die Auswertung eines Blockabgabe-Verzeichnis der Gemeinde Villmar aus den Jahren 1870 bis 1902 durch Lydia Aumüller (2003) und Thomas Kirnbauer (2008) ergab, dass der Bruchbereich Gret(h)enstein 1884 Hauptgewinnungort für den gemeindlichen Lahnmarmorabbau war, soweit sich die gewonnen Rohmaterialien einzelnen Brüchen zuordnen ließen. Obwohl der Handelsname „Unica“ bereits seit 1895/96 gebräuchlich war, wird die Fördermenge aus diesem Bruch in dem über 33 Jahre geführten Verzeichnis nicht gesondert aufgeführt. Es sind lediglich die Brüche „Cretenstein“ und „An der Lahn“ genannt. Kirnbauer stellt fest, dass die Fördermenge im untersuchten Zeitraum von 33 Jahren den beträchtlichen Anteil von 24 % des Gesamtabbaus in Villmar darstellt, der einzelnen Steinbrüchen zugeordnet werden kann, aus diesem Bereich stammte. Die durchschnittliche Jahres-Rohfördermenge in Villmar beträgt damals ca. 413 cbm. 1914 wird das Abbaugebiet Grethenstein mit den Unica-Brüchen als „bedeutendstes und prächtigstes“ Vorkommen im gesamten Lahngebiet bezeichnet. Insgesamt wurden ca. 300.000 cbm Material im Bruchgebiet Grethenstein abgebaut.

Berlin, Dom, 1905, Kaiserliches Treppenhaus – Architekt Julius C. Raschdorff

Zunächst wurde der Marmor in der Fläche abgebaut, in die Tiefe ging man ab den 1930er Jahren. 1938 findet sich im Buch „Der deutsche Marmor“ zu den Brüchen Unica und Grethenstein der Hinweis, dass die Materialien für Innenarchitektur, Böden, Wandverkleidungen, Treppen, Bäder, Türeinstellungen u.a. geeignet sind und die Brüche in erheblich größerem Umfang als bisher ausgebeutet werden können. 1956 widmet MERIAN Heft 11 dem Lahntal. Ein Kapitel beschreibt die Marmorgewinnung und Verarbeitung in Villmar. Diesem Artikel von Mäti Robert verdanken wir Angaben über die seinerzeitigen Abbauverhältnisse im Unica-Steinbruch: 8 Männer brachen „den noch recht unansehnlichen Stein aus dem Berg“. Weiter beschreibt der Autor, dass durch Bohren von Sprenglöchern, herausschlagen oder zurechtschneiden mit Hilfe von Drahtseilen, Sand und Wasser so in einem Monat 12 bis 15 Kubikmeter abgebaut werden (das entspricht etwa 100 cbm pro Jahr). Auch die Weiterverarbeitung im Betrieb Dyckerhoff & Neumann wird anschaulich beschrieben.

Das 1955/1956 von K. Rode, IHK Wetzlar, erstellte Gutachten über die wirtschaftliche Bedeutung der Bodenschätze in der Umgebung der mittleren Lahn beschreibt, dass 2 bis 4 Mann im Bruch beschäftigt sind, um große Blöcke „des hier rötlichen und schön gezeichneten Gesteins“ zu gewinnen. Die Jahresförderung beträgt „allenfalls 270 Tonnen“ (das entspricht ca. 100 cbm). Die Betriebsreserven an „Unica“ schätzt er auf: bei 10 % Abraum 150.000 Kubikmeter und bei rasch auf 50 % anwachsendem Abraum wegen Überlagerung durch Kies und Lehm noch einmal 150.000 Kubikmeter. Die Auswertung von Bildmaterial hat ergeben, dass im gesamten Zeitraum 1957 bis 1962 eine Abbaumenge im Unica-Bruch von ca. 100 cbm geschätzt werden kann (Feuerstein). In den 1970 er Jahren änderten sich Zeitgeschmack und Nachfrage. „Chick“ waren jetzt andere Materialien, beispielsweise heller italienischer Marmor. Um 1970 wurde der Abbau auch im Unica-Bruch aus Kostengründen eingestellt. Der Unica-Bruch wurde geschlossen und versank in einen Dornröschen-Schlaf.

Brüche rechts der Lahn: Transport Der Abtransport des in den Brüchen gewonnenen Materials erfolgte auf verschiedenen Wegen: ab 1844 war die Lahn als Wasserstraße ausgebaut; ab 1863 konnte auch über die Lahntal-Eisenbahnstrecke transportiert werden. 1962 gibt es noch zwei Anschlussgleise in die Brüche „Grethenstein“ und „Unica neu“. Das längste Gleis reichte von der Bahnstation gemessen ca. 170 m in den Bruchbereich hinein. Bis zum Bau der Villmarer Marmorbrücke erfolgte der Transport von der rechten Lahnseite nach Villmar, wo sich die Steinmetzbetriebe befanden, entweder mit Fuhrwerken durch eine Furt oder mittels der werkseigenen Lahnfähre der Firma Dyckerhoff & Neumann. Im Jahr 1894/95 wurde die Villmarer Marmorbrücke errichtet, was den Transport dann mittels Fuhrwerken vereinfachte.

Lahn-Marmorindustie: Arbeitskräfte und Arbeitslöhne Ausbeute und Verarbeitung der Lahnmarmore waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Produktion fand jedoch unter ungleichen Bedingungen statt: 1878 betragen die Arbeitslöhne im Zuchthaus Diez pro Kopf und Tag 60-70 Pfennige – in den Nassauischen Marmorwerken Villmar 2,50 bis 5,00 Mark am Tag. Daher ist das Werk auf dem Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Auch einige kleine Werkstätten mussten aufgegeben, andere wanderten nach Amerika aus. Der Nachfolgebetrieb Dyckerhoff & Neumann beschäftigt zeitweise 150 – 200 Arbeiter, 1962 sind es 126 Mitarbeiter. 1976 arbeiten noch 99 Arbeiter und Angestellte in 6 Villmarer Steinmetzbetrieben: 40 bei Dyckerhoff und Neumann KG, 33 bei Engelbert Müller KG und jeweils unter 10 in den übrigen 4 Unternehmen Georg Dernbach, Weilburger Straße, Wolfgang Höhler, vormals Anton Alois Meuser, Am Weyrer Kreuz, Hans Peter Roßbach, Schweizergasse und Jakob Scheu, vormals Leonhard, Am Lahnufer (Kuhnigk). 1976 ist der Anteil des Villmarer Marmors an der Gesamtproduktion sämtlicher Villmarer Steinmetzbetriebe auf höchstens 20 % zu schätzen.

Vermarktung Zahlreiche Firmen warben mit klingenden Handelsnamen um potentielle Kunden: 1887 werben die Nassauischen Marmorwerke auf ihrem Briefbogen: „Eigene Marmorbrüche in 18 verschiedenen Sorten und Farben“. Auch die Konkurrenz bietet eine möglichst breite Produkt- und Farbpalette an. Der Lahnmarmor ist ein Naturprodukt, das heißt, er wurde von der Natur in unterschiedlichen Nuancen ausgebildet. Kirnbauer vermerkt: „Die Varitäten im Bruchgebiet Unica/Grethenstein können nicht in jedem Fall eindeutig unterschieden werden, da sie gelegentlich innerhalb eines Blocks von einem Typ zum anderen wechselten“. Diesem Umstand und Herkunft, Besitz- und Pachtsituation sowie der Mode geschuldet, gab es viele verschiedene Handelsnamen: Nassau Rot (Nassaurot) 1931-1938, Unika A (=Alt) 1933-1961, Unica/Unika seit 1896, Unika Blaßrot 1938-1953, Unika N (=Neu) 1933-1956, Gret(h)enstein/Gretchenstein 1888-1953, Gretenstein dunkel 1936, Gretenstein graurot 1910, Rouge violette / Roth violette 1897–1905 (nach Kirnbauer). Die Verkaufspreise betrugen: 1955 für Marmor in Platten von 20 mm geschliffen und poliert DM 81,00 pro qm. 1976 Verkaufspreis für Unica 190,00 bis 240,00 DM pro qm, je nach farblicher und struktureller Gestalt. Im Jahr 2022 beträgt der Verkaufspreis für Lahnmarmor als 2 cm starke polierte Fertigarbeit ca. 1200,00 € pro qm. Es gibt noch sehr kleine Restmengen an Material, die beispielsweise im Restaurierungsbereich der Denkmalpflege eingesetzt werden. 1956 schrieb Mäti in seinem Artikel im Merian Heft: „modern oder nicht modern – ich glaube, daß der Marmor … auch in der Zukunft „da“ sein wird. Er hat ungezählte Moden, Stilrichtungen, ja Weltanschauungen überlebt, er wird noch eben so viele Moden, Kunststoffe und Zukunftsträume überdauern, denn er war, was man so leicht vergißt, nicht nur praktisch für Waschbecken und Nachtkonsölchen – er ist auch schön, von einer erstaunlichen, vielfarbigen, naturgewachsenen, vom Menschen geweckten Schönheit – und Schönheit währet lange, länger als nur praktische Zweckmäßigkeit.“

Wiederentdecktes Naturerbe

von Ursula Alban und Irmgard Rado,
Lahn-Marmor-Museum Villmar

Nach dem Ende des Abbaus im Unica-Steinbruch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts verfiel das Gelände in einen Dornröschenschlaf und wurde zum Teil sogar zur Müllablagerung benutzt. Manchmal schauten sich Wissenschaftler verschiedene Steinbrüche an, ab und an kamen noch Fossilien- und Mineraliensammler vorbei, darunter Axel Becker und Wolfgang Höhler, die in ihrer Heimat auf der Suche nach schönen Versteinerungen waren und sich 1983 begegneten. Als die Müllentsorgung zentralisiert wurde, holte die Natur sich den Steinbruch vollends zurück und machte ihn weitgehend unzugänglich.

Bis zum Jahr 1989: „Es begann mit einer Exkursion…“, schrieb Professor Dr. Heinrich Zankl vom Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Marburg in den Lahn-MarmorNachrichten Nr. 4 im Jahr 2001. „Was macht man mit einem Spezialisten als Gast an einem Geologischen Institut: Man zeigt die Höhepunkte im eigenen Bereich und freut sich, wenn man die erhoffte Anerkennung für das Vorgeführte erhält.“

Dr. Phillip Playford, bekannter australischer Geologe, Erforscher devonischer Riffkalke und weltweit angesehen, war auf Einladung von Professor Zankl Gast des Institutes. Dr. Peter Bender, ebenfalls dort tätig und bereits 1956 und später mit den Steinbrüchen in Wirbelau und Gaudernbach befasst, vertrat den im Ausland weilenden Dr. Zankl als Betreuer und Exkursionsführer. Playfords Chef, Dr. Klaus Hirschberg, war ein ehemaliger Kommilitone von Dr. Bender. Phil Playford war der Glückliche, dem von Dr. Bender und dessen Studenten am 11.10.1989 die schönsten Aufschlüsse in der Lahnmulde gezeigt wurden. Sein hessischer Kollege führte ihn nach Wirbelau, Schupbach, Gaudernbach und Villmar, bevor sie im dortigen Natursteinwerk den Tipp zum Unica-Bruch bekamen. Dr. Playford hatte dort Platten aus Lahnmarmor gesehen, „die es (ihm) besonders angetan hatten“. (Bender)

„Dort führte der Werkmeister, Karl-Heinz Krämer, die gesägten und polierten Marmorplatten aus den Massenkalken der Umgebung vor. Von ihm kam der Hinweis, dass es ganz in der Nähe noch gesägte Wände gäbe, die versteckt und zugewachsen bisher kaum Beachtung fanden; er dachte an den verlassenen Unica-Bruch, dessen Wände in den 30er Jahren von italienischen Facharbeitern mit Seilsägen angeschnitten wurden.“ (Zankl)

Im Januar 2022 schreibt Herr Dr. Bender in einem Brief an das Lahn-Marmor-Museum: „Herr Krämer deutete in Richtung der Reste eines Derrick-Kranes, der ein Wäldchen überragte und meinte, dort sollten wir es mal versuchen. Wir fuhren sofort in die Richtung und gelangten von der Straße über einen fast zugewachsenen Pfad nach wenigen Schritten an den Rand eines alten Steinbruches, der teilweise mit Müll gefüllt und von Sträuchern und jungen Bäumen bewachsen war. An der gegenüberliegenden, hangwärts gelegenen Seite konnten wir eine ca. 6m hohe angesägte Steinbruchswand erkennen, die aus zwei etwa gleichhohen Teilwänden bestand, beide schätzungsweise 2 m gegeneinander versetzt. Beide Wände waren stark durch Flechten, Algen, Moos etc. überkrustet; die untere Wand stärker als die obere. Trotzdem konnte man an den angesägten Flächen die Umrisse von Fossilien erkennen. Wir stiegen mit einiger Mühe zu der oberen Wand und begannen, die Fläche mit unseren Hämmern vorsichtig freizukratzen. Schon bald kamen Stromatoporen-Stöcke, teils offenbar in Lebensstellung, teils auch verkippt, Korallen, Crinoiden und andere Fossilien zum Vorschein. Playford war begeistert und meinte, wir hätten vermutlich einen einmaligen Aufschluss im zentralen Teil eines devonischen Riffes.

Er schlug vor, wir sollten möglichst bald die beiden Steinbruchswände reinigen, am besten mit Salzsäure, damit hätten sie in Australien die beste Erfahrung gemacht, und anschließend den Aufschluss genau aufnehmen. Auch unsere jungen Kollegen wurden von der Begeisterung angesteckt und versprachen, sich weiter um den Aufschluss zu kümmern.

„Außer Rand und Band“ sei Phil Playford gewesen, sagte Dr. Bender an anderer Stelle. „Am 27.10.1989 begannen wir mit der Reinigung des Unica-Steinbruchs. Zusammen mit fünf jungen Kollegen (B. Gewehr, R. Braun, P. Königshof, L. Kornder, A. Wehrmann) und mit einigen Kanistern verdünnter Essigsäure – Salzsäure konnten wir aus verständlichen Gründen nicht nehmen – und Reinigungsgeräten wurde ich von einem VW-Bus der Philipps Universität zu dem Aufschluss gebracht. Zuerst beschäftigten wir uns mit der vorsichtigen Freilegung der oberen Wand. Auch am 17.11. 1989 fuhr ich noch einmal zu weiteren Reinigungsarbeiten mit drei Kollegen zu dem Unica- Steinbruch und machte auch einige Messungen.“ Phil Playford hatte recht, dass dort „ein ganz einmaliger Aufschluss eines mitteldevonischen Stromatoporen-Riffes“ zu sehen war. Zugewachsen, zugemüllt, vergessen. Aber ein geologisches Kleinod, das es nach seiner Wiederentdeckung zu heben und zu schützen galt.

Dr. Peter Königshof, einer der ersten Wissenschaftler, die dabei waren, schrieb später: „Durch eine spezielle Abbaumethode des … Lahn-Marmors… hat man einen dreidimensionalen Einblick in ein fossiles Riff. … Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich das Villmarer Riff in Lebensstellung befindet, d.h. der Riffkalk ist nicht durch tektonische Prozesse verstellt worden und daher lässt sich die Entwicklungs- und Entstehungsgeschichte in diesem Steinbruch detailliert nachvollziehen. – … ein unvergleichliches Schaufenster in die Erdgeschichte einer längst vergangenen Welt vor circa 380 Millionen Jahren“ tat sich hier auf, aufgebaut durch Lebewesen in einem Zeitraum von ungefähr 2.000 Jahren. Hier war ein Hauptriff, das Zentrum, zu betrachten, während die Steinbrüche in Runkel-Wirbelau ein Vorriff, in Beselich-Schupbach ein Rückriff repräsentieren. Die Entstehungsgeschichte der mitteldevonischen Riffe und damit des Lahnmarmors kann aus dem Stein gelesen werden.

Nach seiner Rückkehr übernahm Professor Dr. Zankl die weitere Betreuung des Projekts. Welch hohe wissenschaftliche Bedeutung der Unica-Bruch hat, lässt sich auch daran ablesen, dass Doktor- und Diplomarbeiten darüber geschrieben wurden – sehr viele weitere Veröffentlichungen sollten folgen. Die Aufschlüsse in der Lahnmulde waren weiterhin Gegenstand der Lehre der Geologie am Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg und dem Institut für Geologie und Paläontologie der Philipps-Universität Marburg.

Im Herbst 1991 erschien die erste wissenschaftliche Publikation zum Unica-Bruch: Peter Königshof, Babette Gewehr, Ludwig Kornder, Achim Wehrmann, Rainer Braun & Heinrich Zankl: „Stromatoporen-Morphotypen aus einem zentralen Riffbereich (Mitteldevon) in der südwestlichen Lahnmulde“ (Geologica et Paleontologica Nr. 25, Marburg), in der auch die Kartierung der oberen gesägten Wand des Unica-Bruchs veröffentlicht wurde.

Aber nicht nur Studierende und ihre Professoren, sondern inzwischen auch viele engagierte Menschen aus der Umgebung begannen, sich wieder um den Unica-Steinbruch zu kümmern und organisierten Arbeitseinsätze, um die Müllberge im Unica zu beseitigen. Handwerker aus den Steinmetzbetrieben, Kenner der Brüche wie Axel Becker, Natur- und Vogelschützer waren zugange. Die Gemeinde sorgte für Fahrzeuge zum Abtransport, am Ende waren es tonnenweise Müll, die aus dem Steinbruch geholt wurden. Und immer wieder kamen die Studenten aus Marburg, um die Erdgeschichte und die Fossilien sichtbar werden zu lassen.

Zur Erforschung des Unica und weiterer Brüche wurden Doktor- und Diplomarbeiten ausgeschrieben. Einer der Studenten der ersten Stunde, Stephan Oetken, begann 1992 seine Dissertation. Axel Becker aus Schupbach führte ihn zu vielen Steinbrüchen in der Umgebung. Für seine Forschungen benötigte Oetken Genehmigungen, um Proben aus den Brüchen holen zu können. Der Unica gehörte damals, wie auch heute noch, der Gemeinde Villmar. Dr. Gudrun Radtke und Dr. Thomas Kirnbauer vom Hessischen Landesamt für Bodenforschung in Wiesbaden waren in das Genehmigungsverfahren involviert und machten eine Bestandsaufnahme, um die Probenentnahmen abzuklären.

Stephan Oetken schloss seine Dissertation 1996 ab und blieb dem Lahnmarmor weiterhin verbunden.

Am Landesamt für Denkmalpflege Hessen arbeitete man 1993/94 an einer Erhaltungskonzeption für paläontologische Bodendenkmäler. Im November 1993 ging ein Brief vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen an die Bürgermeister von Villmar, Runkel und Beselich, den Naturschutzund Denkmalschutz des Landkreises, das Landesamt für Bodenforschung und an die Herren Zankl, Königshof und Becker. Parallel dazu ging das Großreinemachen im Unica weiter.

Im Flächennutzungsplan wurden die Flächen um 1992 als Rohstoffsicherungsgebiet ausgewiesen – Naturschutz und Geologie waren sich anfangs nicht einig, was nun an den Steinbrüchen zu schützen sei. Aber die Begeisterung über das Gefundene war so groß, dass sich die Geologen sehr dafür einsetzten und am Ende erreichten, dass besondere Aufschlüsse geschützt werden sollten, auch die geologischen Erbstücke seien schließlich erhaltenswert. Auch der Villmarer Bürgermeister Hepp erkannte die außergewöhnliche Bedeutung dieses Naturerbes und setzte sich auf vielfältige Weise für den Unica-Bruch ein.

Im Juni 1994 legte Diplom-Geologe Thomas Keller vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen den Entwurf einer „Erhaltungskonzeption für paläontologische Bodendenkmäler“ für Villmar, Schupbach und Wirbelau vor und bat Axel Becker, Stephan Oetken und Dr. Königshof um „kritische Durchsicht und ggf. Hinzufügung von Korrekturen/Ergänzungen“.

Es folgte das Gutachten mit der Feststellung, dass drei Steinbrüche der Lahnmulde unter Denkmalschutz gestellt werden: Runkel-Wirbelau als Beispiel für ein Vorriff, der Unica in Villmar für ein Hauptriff und Beselich-Schupbach für ein Rückriff.

Im Jahr 1994 wurde ein neues Kapitel auf dem Weg zum heutigen „Leben“ des Unica-Bruchs aufgeschlagen. Bei dem Bemühen aller Beteiligten, den Bruch der Nachwelt zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kamen weitere Mitstreiter dazu.

Rudi Conrads, damals im Vorstand der Weilburger Kreissparkasse, besuchte den Steinmetzbetrieb Engelbert Müller in Villmar. Dort stand ein Gipsmodell für eine Statue des Heiligen Severin, gestaltet vom Kölner Bildhauer Prof. Elmar Hillebrand. Beeindruckt davon, dass die 4,20 m große Figur, die er von der Severinsbrücke in seiner Heimatstadt Köln kannte, in der Bildhauerwerkstatt dieses Betriebes von Walter Schmidt geschaffen wurde, organisierte er eine Ausstellung „Steinkunst“ in der Geschäftsstelle der KSK Weilburg.

Im Herbst folgte ein offizielles Schreiben von Rudi Conrads und Thomas Meuser von der Firma Engelbert Müller an die Zivilgemeinde mit dem Vorschlag, eine dauerhafte Ausstellung zum Thema Steinkunst einzurichten. Die Umsetzung eines „Nassauischen Museums für Steinkunst“ sollte durch einen entsprechenden Förderverein erfolgen. Der neugewählte Bürgermeister Hermann Hepp und die Gremien befassten sich damit und standen der „Bildung eines Förderkreises für die Erhaltung heimischer Bildhauerkunst“ wohlwollend gegenüber.

Am 6. November 1996 lud Bürgermeister Hepp zur Sitzung des Arbeitskreises „MarmorMuseum Nassau in Villmar“ ein, um Ideen zur Verwirklichung dieses Zieles zu sammeln. Im Dezember fand im zuständigen Hessischen Ministerium eine Besprechung zum Geotopschutz statt, die die Brüche in Wirbelau, Schupbach und Villmar betraf. Zu Beginn des Jahres 1997 legten das Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt und das Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Marburg gemeinsam den Entwurf eines Pflegewerks vor. Der Bürgermeister lud Forschung, Verwaltung und Fachbehörden zur Beratung ein, dann den Arbeitskreis für das Museum und fachkundige Bürger. Das Ergebnis war, auf der Grundlage einer von Rudi Conrads und Klaus Gelbhaar konzipierten Vereinssatzung eine Vereinsgründung vorzubereiten.

Am 11. September 1997 fand in der Villmarer König-Konrad-Halle die Gründungsversammlung für den „Lahn-Marmor-Museum e.V.“ statt. Axel Becker wurde zum Vorsitzenden gewählt, Thomas Meuser zu seinem Stellvertreter.

Am 25. Oktober 1997 richtete der Nassauische Verein für Heimatkunde eine Lahn-Marmor Tagung mit Prof. Dr. Zankl aus. In diesem Rahmen wurde der Unica-Bruch in seinem wieder hergerichteten Zustand erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Von da an gab es regelmäßige Führungen im Unica-Bruch – zunächst immer am Tag des offenen Denkmals, später am jährlichen Tag des Geotops. Beim „Tag des offenen Denkmals“ am 13.09.1998 war die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Hohmann-Dennhardt, zu Gast im Unica-Bruch.

In diesen Jahren gab es viele Besprechungen zum weiteren Vorgehen, zum Erhalt, zu Finanzierungsmöglichkeiten und Konzepten. Unter der Federführung der Gemeinde mit Bürgermeister Hermann Hepp an der Spitze waren Verein und zuständige Fachbehörden gemeinsam auf dem Weg.

Viele Themen waren zu bearbeiten, zum Beispiel mussten Ideen zur Vereinbarkeit von Geotopschutz und Naturschutz gefunden werden. Besonders im oberen Bereich des UnicaBruchs hatte sich die Natur zu einem besonderen Biotop entwickelt. Bernd Dresen, späterer Vorsitzender der Fördergemeinschaft für den Natur- und Vogelschutz Villmar e.V., hatte schon um 1993 mit einer Biotopkartierung begonnen. Die detaillierte Beschreibung der besonderen Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren auf dem Halbtrockenrasen oberhalb der Unica-Wände schloss er 1998 ab.

Zur gleichen Zeit gestaltete der Verein LMM mit Unterstützung von Metfried Prinz zu Wied in der Burg Runkel eine erste Dauerausstellung zum Lahn-Marmor, die am 09.04.1998 eröffnet wurde und bis heute Bestand hat.

Höhepunkte des Jahres waren am 18.12.1998 die amtliche Verordnung und am 12.01.1999 die öffentliche Bekanntgabe, dass der Aufschluss nunmehr das Naturdenkmal Unica sei. Im Juli 1997 hatte der Gemeindevorstand des Marktfleckens Villmar die Begehbarmachung und ein Schutzdach für den Unica beschlossen. Es gab nur einen alten Zugang, der als öffentlicher Weg nicht geeignet war. Am 1. Oktober 1998 erfolgte mit Unterstützung des THW die Installation einer ersten Treppe auf die Bruchsohle. Eine Fußgängerbrücke über die Gleise am Bahnhof Villmar war abgerissen worden und wurde hier zum Teil verwendet.

2001 wurde die Zuwegung in den Steinbruch umgestaltet, ein neuer, schräg verlaufender Weg an anderer Stelle angelegt. Die bisherige Treppe wurde versetzt und führte nun zur oberen Etage, die mit einem Stahlgeländer gesichert wurde.

Die beiden Wände des Unica mit den Einblicken in die Erdgeschichte hatten seit der Wiederentdeckung und ersten Reinigung unter Witterung und Sonneneinstrahlung weiter gelitten, die geologischen Besonderheiten waren nur noch schwer erkennbar. So beschlossen Gemeinde und Verein in Absprache mit den entsprechenden Behörden, die gesamte untere Wand herzurichten. Zur Unterstützung und für Material kam der Bewilligungsbescheid des Landesamts für Denkmalpflege vom 06.07.2001 für den Wandschliff über 21.500 DM gerade recht. Es brauchte noch einiges an Organisation, bevor die engagierten und altgedienten Vereinsmitglieder Alfons Stein, Gerhard Höhler, Wolfgang Höhler und Reinhard Kasteleiner etwa 150 Arbeitsstunden im Bruch verbrachten. Dann war die untere Wand geschliffen, poliert und (im Jahr darauf) imprägniert.

Erstes Anschleifen der Wand 2001. Von links: Gerhard Höhler, Reinhard Kasteleiner, Alfons Stein. Auch noch beteiligt: Wolfgang Höhler.

Teil des Geotopschutzes waren Pläne für eine Überdachung, die die gesägte und geschliffene Wand des Unica mit ihrer geologischen Einmaligkeit in Zukunft vor Witterungseinflüssen schützen sollte. Intensive Bemühungen zur Finanzierung mündeten im Mai 1998 in einen Bewilligungsbescheid des Amtes für Regionalentwicklung, Landschaftspflege und Landwirtschaft über 30.000 DM bei einem Gesamtvolumen von 115.800 DM. Da sich die Gesamtkosten im Laufe der Zeit erhöht hatten, wurde der Bewilligungsbescheid im Juli 1999 auf 78.890 DM erhöht.

Die aktive Arbeit des Vereins wurde weiterhin gewürdigt und belohnt: der Schutzverordnung zum Naturdenkmal folgte am 4. Juli 2001 der Denkmalschutzpreis des Landes Hessen. Er wurde am „Tag des offenen Denkmals“ am 08.09.2001 durch Staatsministerin Ruth Wagner verliehen, verbunden mit einem Scheck über 8.000 DM an den Verein Lahn-Marmor-Museum e.V.

Erste Pläne zu einer Überdachung datierten vom September 1998, im Herbst 2001 war es dann so weit. Nach einigen Problemen mit den notwendigen Bohrlöchern wurde die Zeltdachkonstruktion bis zum 27. September errichtet und am 03. November 2001 feierlich eingeweiht. Gemeinde, Verein und Öffentlichkeit feierten gebührend mit vielen Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung; Presse und Fernsehen berichteten.

Konzerte vom Chor Chanterelle Aumenau, von Jagdbläsern und eine standesamtliche Trauung waren besondere kulturelle Ereignisse im Unica-Bruch. Immer wieder fanden dort auch Veranstaltungen statt, die vom Verein organisiert wurden.

Am 11.05.2002 fand der schon traditionelle Lahn-Marmor-Tag im Unica-Bruch statt, mit einem Vortrag der Mineralogin Susanne P. Schwenzer, die die Lahn-Marmor-Nachrichten redaktionell betreut hatte.

Eine außergewöhnliche Anerkennung wurde dem Unica-Bruch durch den Eintrag als Nationales Geotop zuteil. Damit zählt der Aufschluss zu den bedeutenden 77 Geotopen in Deutschland, hiervon befinden sich nur vier in Hessen. Die Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien in Hannover (früher: Akademie der Geowissenschaften zu Hannover) hatte im Jahr 2004 zu einem Wettbewerb aufgerufen, mit dem die bedeutendsten Geotope Deutschlands erfasst werden sollten. Weiterer Zweck des Wettbewerbs war es, mögliche Kandidaten zur Aufnahme in das UNESCO-Welterbe zu identifizieren. Vorgeschlagene Geotope sollten von „außergewöhnlicher natürlicher Ausprägung“, langfristig erhaltbar und „öffentlichen Informationsmöglichkeiten zugeordnet“ sein.

Auch die Bemühungen für ein Museum wurden fortgeführt. Am 14.05.2005 konnte der Verein Lahn-Marmor-Museum am Villmarer Brunnenplatz ein erstes kleines Museum eröffnen. 2009 legten Dr. Thomas Kirnbauer und Axel Becker ein Konzept für ein neues Museum vor. Die Gemeindevertretung stimmte am 05.11.2009 der Errichtung eines GeoInformationszentrums zu. Dann dauerte es längere Zeit und brauchte einen langen Atem, bis 2012 das Projekt „Neubau Lahn-Marmor-Museum“ mit Unterstützung der Europäischen Union (EFRE) neu angegangen werden konnte. Der bisherige Platz reichte hinten und vorne nicht für die vielen Aktivitäten und die wertvollen historischen Exponate, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten. 2014 erfolgte der Spatenstich und am 20. März 2016 die Einweihung des neuen Museumsgebäudes, jetzt in unmittelbarer Nähe zum Nationalen Geotop Unica-Bruch. Fast genau 380 Meter zu Fuß verbinden nun diese beiden zentralen Stätten des Lahn-Marmors.

Nach siebzehn Jahren sollte den inzwischen zahlreichen Besucherinnen und Besuchern, die mit oder ohne Führung das Naturdenkmal besuchten, dieses wieder in bester Form präsentiert werden. Im Jahr 2018 war die Politur der Bruchwand verblasst und wurde erneuert. Vereinsmitglieder machten sich erneut an die Arbeit.

Im Jahr des 25-jährigen Bestehens des Lahn-Marmor-Vereins wird der Unica-Bruch mit einer Sonderausstellung noch einmal stärker ins Bewusstsein gerückt und gewürdigt – als Naturdenkmal, als Geotop, als einmaliges Naturerbe, das es zu schützen und zu bewahren gilt.

3D-Modelle

Impressionen

Quellenverzeichnis

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3 Replies to “Der UNICA Steinbruch”

  1. Sehr schön präsentiert. Sehr gut gefällt mir auch der Humor. Toll, dass der Lahnmarmor es unter die 30 schönsten deutschen Geotope geschafft hat. Offenbar hat die Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Feuerstein (welche passender Name, zum Glück lauter sein Vorname nicht auf Fred) mit dem Lahnmarmor Museum auch harmoniert. Toll Toll Toll. Weiter so!

  2. Danke für die tolle Arbeit, die Sie alle im Vorfeld geleistet haben. Ich war mehrfach mit der Familie im ehemaligen UNICA Steinbruch. Er ist für die Besucher sehr anschaulich gestaltet. Auch für Kinder ist es äußerst interessant, die versteinerten Meereslebewesen in der Wand zu Suchen. Man kann als Laie die Phantasie spielen lassen, um sich vorzustellen, wie die Lebewesen einmal ausgesehen haben könnten. Von dem Museum in Villmar habe ich erst durch diesen Artikel erfahren…auch im UNICA Steinbruch selbst habe ich darüber keine Info gesehen. Allerdings ist es schon ein Jahr her, daß ich dort war. Ich wünsche mir bitte mehr Aktionen und Werbung, um Geologie-Interessierte Laien wie mich zu erreichen.

    1. Das Lahn-Marmor-Museum liegt seit sechs Jahren in unmittelbarer Nähe zum Unica, ca. 380 Meter führt der Weg direkt vom Museum zum Steinbruch. Eigentlich kann man es kaum übersehen. Sie sollten auf jeden Fall wiederkommen, es lohnt einen Besuch. Grüße von Irmgard Rado. – http://www.lahn-marmor-museum.de

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