Der Piesberg

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TL;DR (too long; didn’t read)

Durch intensiven Bergbau seit dem Mittelalter ist der Piesberg im Osnabrücker Bergland zwischen Wiehengebirge im Norden und Teutoburger Wald im Süden ausgehöhlt, wie ein hohler Backenzahn. Durch seine Pflanzen- und Insekten-Fossilien in ca. 310-305 Mio. Jahre alten Ablagerungen ist er international berühmt und stellt durch fortwährenden Abbau von quarzitischen Sandsteinen einen der größten Steinbruchstandorte Europas dar. Als nationales Geotop ist der Piesberg von übergeordneter Bedeutung, und Stadt und Landkreis Osnabrück sowie der UNESCO Geopark TERRA.vita bewahren sein geologisches Erbe.


Geologischer Überblick

Der Piesberg, eine Erhebung nördlich der niedersächsischen Stadt Osnabrück liegt im Bereich der Osning Scholle (Abb. 1), die zwischen der Osning-Störungszone bis zum Wiehengebirge eine Hochscholle südlich des Niedersachsen-Beckens bildet (Drozdzewski & Dölling, 2018). Im Bereich dieser Hochscholle kam es ab der Oberkreide infolge der Fernwirkung der Pyrenäen-Entstehung zur Ausbildung von Aufschiebungszonen und Nordwest-Südost-streichenden Faltenstrukturen, die sich besonders eindrucksvoll im Piesberg zeigen, wo sich eine Sattelstruktur herausbildete, die im Osten von einer etwa Nord-Süd-streichenden Querstörung mit ca. 600 m Versatz (Abb. 1, 2 und 3) abgeschnitten wird.

Abb. 1: Übersicht der geologischen Struktureinheiten im Osnabrücker Bergland und angrenzenden Regionen mit Lage des Piesberges bei Osnabrück. Es sind nur die Schichten der Kreide und älter eingetragen. (Drozdzewski & Dölling, 2018).
Abb. 2: Geologisches NNO/SSW-Profil zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald mit den beiden Karbonaufbrüchen Hüggel und Piesberg. Während der Hüggel eine Horststruktur darstellt, wird der Piesberg durch eine Faltung charakterisiert, die als Piesberg-Pyrmont-Sattel über 100 km nordwestlich vom Piesberg in südwestliche Richtung verläuft (T. Fischer, TERRA.vita).

Der Piesberg bildet zusammen mit den angrenzenden Bereichen des Schafberges bei Ibbenbüren und des Hüggels das nördlichste Aufschlussvorkommen kohleführenden Oberkarbons in Deutschland, das von permo-triassischen Sedimenten diskordant überlagert wird (Abb. 1). Die Sedimente des Karbons bestehen zu über 70 % aus mittel- bis grobkörnigen Sandsteinen und Konglomeraten, sowie untergeordneten Silt- und Tonsteinen mit eingelagerten Kohleflözen von 0,3 bis 1,5 m Mächtigkeit. Diese fluviatilen Sedimente wurden im Oberkarbon von einem verflochtenen Flusssystem mit nach Norden und Westen ausgerichteter Strömung abgelagert. Größere Pflanzenansammlungen fanden in den begleitenden Auenablagerungen statt, die heute als Kohlenflöze eingeschichtet vorkommen. Auch feinkörnige Seenablagerungen wurden im Steinbruch entdeckt (Leipner et al., 2021). Durch den Einfluss von thermischer Aufheizung zeigen die Sandsteine eine intensive Zementierung mit Quarz und die Kohleflöze den hohen Inkohlungsgrad von Anthrazit. Ähnlich hohe thermische Reifegrade weisen auch die Karbonvorkommen in Ibbenbüren und am Hüggel auf. Die Datierung des thermischen Ereignisses wurde bis in die Oberkreide eingegrenzt, wobei über die genaue Ursache, welche thermische Beeinflussung und in welcher Tiefe, noch kontrovers diskutiert wird (Fischer, 2020).

Bergbaugeschichte

Der Piesberg spielt seit mehr als 800 Jahren eine wirtschaftlich und kulturell bedeutende Rolle im Osnabrücker Bergland. An natürlichen Ressourcen wurden die anthrazitische Steinkohle und der quarzitische Sandstein gewonnen, wobei Spuren des aktiven Bergbaus bis in die Steinzeit zurück zu verfolgen sind. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Steinkohle aus Kohleflözen am Piesberg abgebaut. Die ersten Grubenschächte für einen untertägigen Abbau des Johannessteinflözes wurde 1568 abgeteuft, und 1830 erreichten die Schächte und Stollen tiefere Kohleflöze wie die Flöze Mittel, Zweibänke und Dreibänke (Abb. 3 und 4). Mit dem Hase-Schacht erreichte man ab 1868 Abbautiefen im Bereich des Grundwassers, musste aber den Kohlebergbau aufgrund verschiedener Schwierigkeiten im Jahre 1898 einstellen (Harms, 2019).

Abb. 3: Geologisches Nord-Süd-Profil durch den Piesberg mit weiteren Informationen zu früheren und rezenten Eingriffen in die Natur (nach Leipner et al., 2021, ursprünglich nach Haarmann, 1911).
Abb. 4: Ausschnitt der Nordwand im Steinbruch Piesberg mit bekannten Kohleflözen, die bis 1898 bergbaulich gewonnen wurden.

Der großflächige Abbau von quarzitischen Sandsteinen aus dem Steinbruch Piesberg begann 1859 und entwickelte sich zu einem der größten Steinbruchkomplexe Mitteleuropas. Durch den tiefgründigen Abbau (Abb. 3) wurden neben den Flözen (Abb. 4) auch die damals untertägig abgebauten und mit Versatzgut aufgefüllten Flöz-Horizonte einschließlich der von den Bergleuten eingesetzten Abstützungsstempel aus Fichtenholz (Harms, 2019) an mehreren Stellen der Steinbruchs-Wände aufgeschlossen (Abb. 5).

Aus dem Piesberg werden aktuell Sandsteine und Tonnebengesteine abgebaut. Im Jahr 2018 wurde eine Jahresproduktion von rund einer Million Tonnen erreicht (Harms, 2019). Das nutzbare Gesteinsvolumen wird voraussichtlich Material für die nächsten 15-20 Jahre liefern. Danach sollen große Bereiche im Steinbruch dauerhaft geschützt und als geologische Stätte erhalten bleiben. Durch die unterschiedlichen Bergbauaktivitäten ist die Region noch heute durch Industrieobjekte geprägt. Zahlreiche geohistorische Gebäude und Anlagen aus unterschiedlichen industriellen Epochen existieren noch bzw. sind unter Denkmalschutz gestellt.

Abb. 5: Stützpfeiler des ehemaligen Untertagebergbaus der Anthrazitkohle im Flöz-Niveau Dreibänke durch den Steinbruchs-Betrieb an der Westseite des Piesberges freigelegt (Foto: Frank Seidel, Papenburg AG).

Heute können Wanderer entlang des ca. 8 km langen Piesberg-Rundweges viele interessante Eindrücke von der Kultur und Bergbauwildnis im heutigen Kultur- und Landschafts-Park Piesberg gewinnen. Von mehreren Aussichtspunkten entlang des Rundweges kann man Blicke in den beeindruckenden Steinbruch gewinnen. Zahlreiche TERRA.vita-Erlebnisstationen geben Infos zur Geologie, Bergbaugeschichte und zu den einzigartigen Steinbruch-Lebensräumen. Historische Gebäude können besichtigt werden, wobei vor allem das Haseschacht-Gebäude zu empfehlen ist. Hier ist heute ein Museum für Industriekultur beherbergt. Von dem Museum aus kann ein Bergwerkstollen betreten werden, der über eine Länge von 280 m in bis zu 30 m Tiefe bis zu einem Mundloch führt.

Fauna und Flora des Oberkarbon

Die oberkarbonischen Sedimente des Piesberges sind mit den Ablagerungen des Schafberges international bedeutende Fossilvorkommen für Pflanzen und Gliederfüßer (Abb. 6), die zahlreiche Paläontologen aus Museen und Universitäten sowie Hobbyforscher anziehen. Aus dem Piesberg-Steinbruch sind ca. 55 Arten fossiler Pflanzen und mehr als 25 Insektenarten beschrieben, wobei es zahlreiche Erstbeschreibungen von hier gibt (Leipner et al., 2021).

Abb. 6: Pflanzen und Insekten aus dem Karbon vom Piesberg-Steinbruch von links nach rechts: Wurzelbereich einer Sigillarie im Museum am Schölerberg; Blätter der ausgestorbenen Pflanzengattung Sphenophyllum; Insektenflügel; mylacride Schabe (aus Leipner et al., 2021).

Teilweise wurde aufrechtstehende Baumstämme samt Wurzelwerk gefunden. Einer der beeindruckendsten Funde ist ein großformatiges Wurzelwerk des ausgestorbenen Bärlappbaumes Sigillaria, der heute im Museum am Schölerberg zu bewundern ist. Die sehr gute Erhaltungsmöglichkeit der Piesberg-Sedimente gestatten die Rekonstruktion vollständiger Pflanzen anhand von Fragmenten wie Blätter und Verästelungen, des Baumstammes samt Rinde sowie der Wurzeln (Fischer, 2020). Die Insektenfunde vom Piesberg tragen in großem Ausmaß zur Erkenntnis über die Entstehung und Evolution der ersten flugfähigen Insekten bei. Viele Arten und Gattungen von Insekten sind Erstfunde und wurden mit dem Namen Piesberg beschrieben, wie z.B. Piesbergtupus hielscheri oder Erasipterella piesbegensis (Fischer, 2020). Paläontologische Untersuchungen an Insekten- und Gliederfüßer-Larven ließen die Erforschung von Entwicklungszyklen dieser Organismen zu, um nur einige der Highlights zu nennen. Besonders die Tonsteine des Piesberg-Karbons ermöglichten den Erhalt von ansonsten schlecht erhaltungsfähigen Fossilgruppen, wie Spinnen, Skorpionen, Krebsen, Fischschuppen, Hai-Eikapseln und Muscheln (Fischer, 2020).

Kugelpanorama vom Piesberg (Quelle Stadt Osnabrück)

3D-Modelle

Impressionen

Schriftenverzeichnis

Drozdzewski, G. & Dölling, M. (2018): Elemente der Osning-Störungszone (NW-Deutschland) Leitstrukturen   einer   Blattverschiebungszone.   –   Scriptum online 7, 39 S., Krefeld. https://www.gd.nrw.de/zip/scriptumonline_07_2018-12.pdf.

Haarmann, E. (1911): Die geologischen Verhältnisse des Piesberg-Sattels bei Osnabrück. Jahrbuch der preußischen geologischen Landesanstalt. 30: 1–58.

Fischer, T. (2020): Wertgebende Landschaften und Landschaftselemente im Natur- und UNESCO Geopark TERRA.vita. Osnabrück: Natur- und Geopark TERRA.vita Nördlicher Teutoburger Wald, Wiehengebirge, Osnabrücker Land e. V..

Harms, F.-J. (2019): Steinbruch Piesberg: ein sich seit über 150 Jahren ständig verändernder Blick in die Erdgeschichte. Osnabrücker Naturwissenschaftliche Mitteilungen. 44/45: 7-18.https://www.osnabrueck.de/fileadmin/user_upload/Steinbruch_Piesberg_Erdgeschichte_Franz-Juergen_Harms.pdf.

Leipner, A., Fischer, T. & Chellouche P. (2021): The Piesberg: A NW-German site of international importance for the Pennsylvanian (Late Carboniferous). Geoconservation Research. 4(2). DOI: 10.30486/gcr.2021.1913500.1056.

Erdzeitalter Karbon, Natur- und Geopark TERRA.vita: (https://www.youtube.com/watch?v=UmZ-le0aTog).

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